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Wer von Hahnenklee in nordwestliche Richtung – nach Goslar zu – geht gelangt zur Hexenbank am Bocksberg. Eine Mulde am Hang des Berges wird seit alters her als Mädchenrathausplatz bezeichnet. Ein seltsamer Name für ein Stück Bergwiese, oder ?

Einstmals gehörte das gesamte Gebiet zum Klostergut Riechenberg. Auf den Bergwiesen war vor langer Zeit ein bildhübscher Schäfer beschäftigt, den jedes Mädchen gern für sich erobert hätte. Damals wurde auf diesen Nordharzer Bergwiesen noch eine Schafrasse gehalten, die ähnlich der Ziegen des Berglandes, recht ertragreiche Milchlieferanten waren.

Jeden Abend trieb der hübsche Schäfer seine Schafe auf dem heutigen Mädchenrathausplatz zusammen. Dort warteten dann immer schon acht bis zwölf Mägde vom Klostegut um die Schafe zu melken. Alle Mägde machten dem Schäfer schöne Augen und wollten ihn erobern.

Eines Tages waren die Mädchen aus Eifersucht in einen heftigen Streit geraten; jedes glaubte und behauptete, der Schäfer habe gerade sie auserwählt. Der Streit wurde so heftig und verbissen geführt, dass ein Mädchen durch einen Stockhieb getötet wurde.

Der hübsche Schäfer war unschuldig und hatte nichts mit diesem Streit zu tun. Er war von einer feurigen rothaarigen Hexe gebannt, vielleicht sogar verhext. Sie kam jeden Abend, setzte sich auf die Hexenbank und wartete auf den Schäfer. Der konnte nicht anders, es zog ihn Abend für Abend zur Hexenbank – zu der Rothaarigen. So war er für alle anderen Mädchen unnahbar.
Als nun im Kloster Riechenberg die Mordtat bekannt wurde, hielt man am Tatort ein Gericht ab.

Alle beteiligten Mägde wurden zum Tode verurteilt und am Ort der Tat enthauptet. So müsste der Mädchenrathausplatz eigentlich „Mädchenrichtplatz“ heißen. Aber im Mittelalter waren Rathaus und Richthaus ein Begriff und so hat sich der Name Mädchenrathausplatz durchgesetzt und bis heute gehalten. 


gezeichnet von Lisa Berg

 
Sagen, Mythen und Legenden aus dem Harz, Bd. 4
Bernd Sternal (Autor), Lisa Berg (Autor + Zeichnungen)
Sagen, Mythen und Legenden - Band 4Unser vierter Band schließt nahtlos an die Sagen, Mythen und Legenden der drei vorherigen Bände an. Es ist schon erstaunlich, wie viele dieser literarischen Relikte die Zeit überdauert haben. Das zeugt davon, wie wichtig es den Menschen in alter Zeit war, diese „Geschichten“ für ihre Nachwelt zu erhalten. Heute, in unserem Informationszeitalter, ist es eher unüblich noch Geschichten zu erzählen oder vorzulesen. Daher sind viele der alten Überlieferungen auch weitgehend in Vergessenheit geraten. In diesem und den noch folgenden Bänden werden wir sie wieder zum Leben erwecken – natürlich wie gewohnt, mit wunderschönen Zeichnungen von Lisa Berg. Übrigens, zahlreiche dieser Harzer Sagen, Mythen und Legenden waren auch Inspiration für einige bekannte Volksmärchenautoren wie die Brüder Grimm, Ludwig Bechstein, Ernst Moritz Arndt und Hans Christian Andersen.
Gebundene Ausgabe: 29,99 €
144 Seiten mit 56 farbigen Illustrationen

Taschenbuch: 14,99 €
144 Seiten mit 56 schwarz-weiß Illustrationen

 
 
   

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